„Und die Zeit kam, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde als das Risiko zu blühen.“
– Anaïs Nin
Heute ist Karfreitag.
Für viele ist das ein stiller Feiertag. Für manche ein christlicher Gedenktag. Für andere einfach der Beginn eines langen Osterwochenendes zwischen Familienbesuch, Ostereiern und Frühlingssonne.
Und doch spüre ich: In diesen Tagen liegt etwas Tieferes. Etwas, das weit über Religion, Tradition oder Kommerz hinausgeht. Eine Bewegung, die wir alle kennen – unabhängig davon, woran wir glauben.
Es ist die Bewegung von Sterben und Werden.
Von Loslassen und Neugeburt.
Von einem alten Bild, das nicht mehr trägt, hin zu etwas Wahrhaftigerem.
Vielleicht ist genau das die tiefere Einladung von Karfreitag und Ostern: nicht nur auf eine Geschichte im Außen zu schauen, sondern die innere Bewegung in uns selbst zu erkennen.
Denn wie oft wünschen wir uns Veränderung – und halten gleichzeitig an dem fest, was längst zu eng geworden ist?
Wie oft wollen wir unseren Hund wirklich sehen – und schauen doch zuerst auf unsere Vorstellung von ihm?
Wie oft sehnen wir uns nach einem neuen Kapitel – aber trauen uns nicht, das alte liebevoll zu beenden?
Karfreitag erinnert mich in diesem Sinn nicht nur an Schmerz. Sondern an den Punkt, an dem etwas Altes nicht weitergetragen werden kann. An den Moment, in dem wir ehrlich werden müssen.
An das stille, manchmal unbequeme Eingeständnis: So wie bisher geht es nicht weiter.
Und Ostern?
Ostern ist dann nicht einfach nur ein schönes, helles Gegenbild. Es ist die Antwort auf diesen Mut. Die Erinnerung daran, dass aus jedem wirklichen Loslassen neues Leben entstehen kann.
Nicht immer sofort.
Nicht immer laut.
Aber wahr.
Wenn das alte Ich leiser werden darf
Manchmal denken wir beim Wort „Sterben“ nur an das große, endgültige Ende.
Doch im Leben begegnet uns dieses Sterben in vielen kleinen, unscheinbaren Formen.
Ein Glaubenssatz stirbt.
Eine Selbstbeschreibung stirbt.
Ein inneres Bild stirbt.
Eine Rolle, die wir lange getragen haben, darf sich lösen.
Ein Schutzmechanismus, der uns einmal gedient hat, wird zu eng.
Und ja – auch unser Ego muss an manchen Stellen ein Stück zurücktreten, damit etwas Echtes sichtbar werden kann.
Nicht, weil mit uns etwas falsch wäre.
Sondern weil Entwicklung immer bedeutet, dass wir nicht alles mitnehmen können.
Etwas Altes darf sterben, damit etwas Neues überhaupt Raum bekommt.
Vielleicht kennst Du Sätze wie:
„Ich bin halt so.“
„Mein Hund ist eben so.“
„Das wird sich nie ändern.“
„Bei uns ist das einfach schwierig.“
„So bin ich schon immer durchs Leben gegangen.“
Solche Sätze fühlen sich oft an wie Wahrheit. Aber manchmal sind sie eher ein altes Zuhause. Vertraut, ja. Nur vielleicht längst nicht mehr lebendig.
Und genau hier beginnt der innere Karfreitag.
Dort, wo Du bemerkst:
Dieser Satz schützt mich zwar. Aber er begrenzt mich auch.
Diese Sichtweise gibt mir Orientierung. Aber sie hält mich zugleich davon ab, wirklich neu zu sehen.
Was, wenn nicht Dein Hund „so ist“ sondern Dein Blick auf ihn?
Gerade im Zusammenleben mit unseren Hunden erleben wir das immer wieder.
Wir sehen die Rasse.
Wir sehen die Geschichte.
Wir sehen das Verhalten.
Wir sehen das, was andere gesagt haben.
Wir sehen unsere Sorgen, unsere Hoffnungen, unsere Erklärungen.
Und irgendwann glauben wir, wir würden den Hund sehen.
Doch oft sehen wir zunächst vor allem unser Bild von ihm.
„Er ist unsicher.“
„Sie ist territorial.“
„Er ist hibbelig.“
„Sie kann das einfach nicht.“
„Er braucht eben…“
„So sind Hunde dieser Rasse.“
Vielleicht stimmt an all dem sogar etwas. Und doch kann es sein, dass diese Sätze wie ein feines Netz über dem lebendigen Wesen liegen.
Wenn wir einem Hund wirklich begegnen wollen, dann müssen manchmal zuerst unsere Vorstellungen sterben.
Nicht der Hund muss als Erstes anders werden.
Sondern unser Blick darf sich wandeln.
Und das ist nicht immer angenehm.
Denn jedes Mal, wenn ein altes Bild stirbt, verlieren wir auch ein Stück Sicherheit. Wir wissen dann für einen Moment nicht mehr genau, wer der andere ist. Und oft wissen wir in solchen Momenten auch nicht mehr genau, wer wir selbst sind.
Aber genau dort beginnt Begegnung.
Nicht in der perfekten Erklärung.
Nicht in der schnellen Einordnung.
Sondern in der Bereitschaft, wieder leerer zu werden. Wahrhaftiger. Offener.
Vielleicht ist das eine der zärtlichsten Formen von Auferstehung:
Dass Dein Hund nicht länger nur in Deinen alten Zuschreibungen leben muss.
Und Du auch nicht.
Als mein Trainingsraum sterben musste
Ich kenne diese Bewegung sehr persönlich.
Im letzten Jahr habe ich meinen Hundetrainingsraum aufgegeben.
Und auch wenn es im Außen vielleicht einfach nur wie eine geschäftliche Entscheidung aussah, war es innerlich viel mehr als das. Dieser Raum war mit Vorstellungen und ganz vielen Erinnerungen verbunden. Mit Identität. Mit Hunden. Mit Freude, Lachen und Weinen. Mit einer Art, mein Wirken sichtbar zu machen. Mit etwas, das einmal stimmig war.
Und doch habe ich gespürt: Es ist Zeit.
Nicht, weil dieser Raum falsch war.
Nicht, weil er und die gemeinsame Zeit dort keinen Wert hatte.
Sondern weil etwas Neues in mir immer lauter angeklopft hat, das mehr Platz brauchte.
Der Raum musste sterben, damit mein Wirken sich neu ordnen konnte. Damit klarer werden durfte, was wesentlich ist. Damit der Weg des Kahu ʻĪlio nicht nur eine schöne Idee bleibt, sondern mehr und mehr zu dem werden darf, wofür ich wirklich hier bin.
Das Alte loszulassen tat weh und hat viele Tränen gekostet. Ich habe mich immer wieder gefragt ob es richtig war. Hab immer von „meinem Raum“ gesprochen. Auch dann, wenn ich wusste, dass es stimmig ist.
Und genau das vergessen wir so oft:
Auch richtige Abschiede dürfen weh tun.
Auch notwendiges Loslassen darf traurig machen.
Auch heilsames Sterben darf erst einmal leer wirken.
Aber in dieser Leere war plötzlich Raum.
Raum für Klarheit.
Raum für eine neue Ausrichtung.
Raum für eine wichtigere, tiefere Message.
Raum für das, was nicht nur funktioniert, sondern wirklich ruft.
Vielleicht kennst Du genau das aus Deinem eigenen Leben. Dass etwas erst gehen musste, bevor Du erkennen konntest, was eigentlich kommen wollte.
Der größere Sinn von Ostern in unserem Leben
Vielleicht liegt die eigentliche Kraft von Karfreitag und Ostern genau darin, dass sie uns jedes Jahr daran erinnern:
Wandlung geschieht nicht nur im Himmel großer Ideen.
Sie geschieht mitten in unserem Alltag.
In Beziehungen.
In Entscheidungen.
In inneren Wahrheiten.
In dem, was wir nicht länger festhalten können.
Und in dem, was geboren werden will.
Karfreitag fragt Dich vielleicht:
- Was in Dir ist müde geworden?
- Was trägst Du noch, obwohl es nicht mehr lebendig ist?
- Welche Vorstellung von Dir selbst, Deinem Hund oder Deinem Leben ist zu klein geworden?
Und Ostern fragt dann:
- Was könnte sichtbar werden, wenn Du das Alte nicht länger festhältst?
- Wer wärst Du ohne diesen alten Glaubenssatz?
- Wie würdest Du Deinem Hund begegnen, wenn Du ihn nicht durch die Brille vergangener Erfahrungen ansiehst?
- Was dürfte in Deinem Leben neu werden, wenn Du dem Unbekannten ein wenig mehr vertraust?
Ich glaube, das Wunder geschieht oft nicht plötzlich. Es kommt nicht immer mit Trompeten und Lichtstrahlen. Manchmal zeigt es sich ganz still.
In einem neuen Gedanken.
In einem weicheren Blick.
In einem Moment, in dem Du nicht mehr automatisch reagierst.
In einem Satz, den Du nicht mehr über Dich sagst.
In einem Hund, der plötzlich nicht mehr nur „Problemverhalten“ ist, sondern wieder Wesen.
In Dir, wenn Du bemerkst: Ich muss nicht bleiben, wer ich gestern war.
Eine stille Osterfrage an Dich
Vielleicht magst Du Dir heute – an diesem Karfreitag, auf dem Weg in Richtung Ostern – einen stillen Moment nehmen.
Nicht, um schnell eine Antwort zu finden.
Sondern um ehrlich zu lauschen.
🌀 Reflexionsimpuls:
Was in Deinem Leben darf gerade sterben, damit etwas Neues entstehen kann?
- Ist es ein altes Selbstbild?
- Ein schmerzhafter Glaubenssatz?
- Eine Erwartung an Deinen Hund?
- Eine Rolle, die Du viel zu lange getragen hast?
- Ein inneres Müssen?
- Eine Vorstellung davon, wie Verbindung auszusehen hat?
Und dann frage Dich weiter:
Was könnte in diesem frei gewordenen Raum wachsen, wenn Du das Alte liebevoll verabschiedest?
Vielleicht brauchst Du dafür keine Härte.
Kein Drama.
Kein radikales Abreißen.
Vielleicht braucht es nur Wahrheit.
Ehrlichkeit.
Ein bewusstes Ja zum Ende.
Und den Mut, das Noch-Nicht zu betreten.
Denn nichts Neues kann geboren werden, wenn das Alte jeden Raum besetzt.
Ostern als Einladung in ein wahrhaftigeres Leben als Kahu ʻĪlio
Ich wünsche mir, dass wir Ostern nicht nur feiern, sondern fühlen.
Nicht nur im Außen begehen, sondern in uns wirken lassen.
Vielleicht ist das die schönste Weise, diese Tage zu ehren:
Dass wir sie als Spiegel nehmen.
Als innere Landkarte.
Als Einladung, dort, wo wir festgeworden sind, wieder weich zu werden.
Dort, wo wir klammern, loszulassen.
Dort, wo wir nur aus Gewohnheit schauen, wieder wirklich zu sehen.
Für uns selbst.
Für unseren Hund.
Für die Beziehung, die aus Wahrheit entstehen möchte.
Denn dort, wo etwas Altes in Würde gehen darf, entsteht nicht Verlust allein. Dort entsteht auch Möglichkeit.
Und manchmal sogar etwas Heiliges:
Nicht im religiösen Sinn.
Sondern in dem stillen, tiefen Sinn, dass etwas in uns wieder an seinen richtigen Platz fällt.
Ich wünsche Dir von Herzen ein bewusstes, stilles und lichtvolles Osterfest.
Eines, das Dich nicht nur nach außen feiern lässt, sondern nach innen erinnert:
Du darfst loslassen.
Du darfst Dich wandeln.
Du darfst neu werden.
Und Dein Hund darf jenseits alter Bilder immer wieder neu von Dir gesehen werden.
Wenn Du spürst, dass in Dir oder in Eurer Beziehung etwas Altes festhängt und Du diesem Thema tiefer begegnen möchtest, dann begleite ich Dich gerne in einer systemischen Aufstellung. Manchmal braucht es nur einen geschützten Raum, damit sichtbar werden kann, was gehen will – und was geboren werden möchte.
Deine Marina









