„Euer Mitgefühl ist das Band, das Euch mit allem Lebendigen verbindet.“
– Kahlil Gibran
Wenn das Lächeln zur Maske wird
Es gibt Tage im Jahr, an denen sich die Welt gerne verkleidet.
An denen wir lachen, erschrecken, Grenzen verwischen und uns in Rollen verlieren. Halloween – ein Fest der Masken, des Spiels, des Scheins. Und vielleicht auch ein Spiegel.
Denn während wir lachen, teilen und staunen, verwandelt sich in den sozialen Medien etwas, das mich zutiefst berührt – und beunruhigt. Immer häufiger sehe ich Videos von Hunden, die zum Mittelpunkt eines makabren Schauspiels werden. Sie tragen Kostüme, Grimassen, Puppenbeine. Sie wanken, fallen oder zeigen neurologische Auffälligkeiten – und tausende Herzen fliegen ihnen zu.
„So süß!“, „Wie witzig!“ schreiben die Menschen.
Doch unter der Oberfläche dieser angeblichen Leichtigkeit liegt etwas anderes.
Etwas, das mit Gibrans Worten zu tun hat – mit dem Band des Mitgefühls, das uns mit allem Lebendigen verbindet. Und das Band scheint an manchen Stellen dünner zu werden.
Ich spüre eine stille Frage, die sich in mir regt wie ein Schatten hinter der Maske.
Wann haben wir aufgehört, hinzusehen?
Wer schaut wirklich hin?
Vielleicht ist das die eigentliche Geisterstunde unserer Zeit:
Nicht die Nacht der Spukgestalten, sondern die Stunde, in der wir vergessen, dass das Wesen vor der Kamera fühlt.
Dieses Übermalen eines Lebewesens mit den Farben unserer Unterhaltung – ist ein stiller Übergriff. Sie geschieht oft ohne böse Absicht, aber mit fataler Wirkung: Der Hund wird Projektionsfläche, Requisite, Meme. Er verliert – in unserer Wahrnehmung – sein Gesicht.
🌀 Reflexionsimpuls:
Wann war das letzte Mal, dass Du wirklich hingesehen hast – ohne zu interpretieren, zu lachen oder zu liken?
Was, wenn jedes Klick-Herz auch ein Stück Würde kostet – nicht sichtbar, aber spürbar?
Verantwortung beginnt im Stillen
Ich merke, wie mich diese Bilder begleiten, wie sie sich in meine Wahrnehmung schleichen. Seit Mei-Lani bei mir ist – fünf Monate alt, sensibel, wach – spüre ich noch deutlicher, wie verletzlich Hunde sind.
Gerade jetzt, in der Zeit, in der sie ihre „Spooky Periods“ erlebt, braucht sie vor allem eines: Sicherheit.
Wenn draußen Kinder mit Masken und schrillen Stimmen durch die Straßen ziehen, halte ich den Raum für sie. Ich erkläre, dass Angst keine Schwäche ist, sondern ein Signal – eine Einladung, Vertrauen zu schenken. Ich bleibe an ihrer Seite, während sie die fremden Geräusche sortiert und das Unbekannte einordnet.
Manchmal ernte ich dafür irritierte Blicke oder ein leises Lächeln.
„Es ist doch nur ein Hund“, sagen manche – als wäre damit alles erklärt.
Doch genau hier beginnt für mich die Verantwortung: hinzuhören, wo andere nur sehen. Zu begleiten, wo andere abtun.
Denn für Mei-Lani ist das keine Verkleidung, kein Spiel – es ist Wirklichkeit.
Das ist Teil meiner Aufgabe als Kahu ʻĪlio: Ich bin Hüterin der Würde, der Beziehung, des Bewusstseins.
Und auch das bedeutet Verantwortung – nicht nur für den eigenen Hund, sondern für die Bilder, die wir in die Welt tragen.
Zwischen Klicks und Konsequenzen
Wenn wir als Gemeinschaft beginnen würden, respektlose Darstellungen nicht mehr zu liken, nicht mehr zu teilen, dann würde sich die Dynamik ändern.
Algorithmen sind Spiegel unserer kollektiven Aufmerksamkeit.
Jeder Klick ist eine Entscheidung – für oder gegen Bewusstsein.
Es geht nicht darum, niemandem Freude zu gönnen.
Es geht darum, hinzuspüren, ob diese Freude auf Kosten eines fühlenden Wesens entsteht.
Ob wir lachen – oder hinsehen.
Und da ist es egal, ob es ein Mensch oder ein Tier ist.
Zurück zur Würde
Vielleicht ist Halloween ein guter Moment, um die Masken zu prüfen, die wir selbst tragen.
Die Maske der Gewohnheit.
Die Maske des „Das macht ja jeder“.
Die Maske des Nicht-Hinsehen-Wollens.
Unter all diesen Schichten liegt etwas Echtes:
Ein Herz, das fühlen kann. Eine Hand, die schützen will. Ein Bewusstsein, das Verantwortung übernehmen kann – still, liebevoll und klar.
Denn hinter jeder Maske – auch hinter der des Menschen – wohnt ein Wesen, das gesehen werden möchte.
Der Weg zurück zur Verbundenheit
Wenn Dich dieser Text berührt hat und Du tiefer eintauchen möchtest in die Verbindung zwischen Mensch und Hund – jenseits von Dressur, Show und Masken – dann lade ich Dich herzlich ein, Teil des Dojo der Verbundenheit zu werden.
Ein Raum, in dem wir gemeinsam üben, wieder wirklich hinzusehen.
👉 Hier geht’s zum Dojo der Verbundenheit
Deine Marina





