„Eure Herzen kennen in der Stille die Geheimnisse der Tage und der Nächte.“
– Kahlil Gibran, Der Prophet, „Von der Selbsterkenntnis“
Diese Momente
Du gehst mit Deinem Hund spazieren. Er bleibt stehen und schnüffelt. Schnell beantwortest Du noch eine Nachricht. In Gedanken bist Du schon bei dem, was zu Hause wartet. Dabei fällt Dir gar nicht auf, dass Dein Hund längst fertig ist mit Schnüffeln und Dich erwartungsvoll anschaut. Ihr geht weiter und beim nächsten Schritt kommt Dir in Deine Gedanken, wen Du heute noch zurückrufen wolltest. Du nimmst wieder das Handy raus. Und irgendwann merkst Du: Du bist draußen unterwegs, doch vom Spaziergang mit Deinem Hund und der Natur um Dich herum hast Du kaum etwas wahrgenommen.
Vielleicht kennst Du solche Momente. Dieses leise Abdriften, während der Alltag weiterläuft. Ein „Ich muss noch“ reiht sich an das nächste, und die Frage, wie es Dir eigentlich geht, findet dazwischen kaum noch Platz.
Auch ich kenne das. Meine To-do-Listen wissen ziemlich zuverlässig, wie sie sich bemerkbar machen können. Kaum wird es ruhig, melden Sie sich und mir fällt noch etwas ein, das ich erledigen muss.
Wir alle driften im Alltag immer wieder ab. Umso kostbarer ist der Moment, in dem wir es bemerken. Denn dann können wir unsere Aufmerksamkeit neu ausrichten.
Wie geht es mir gerade? Was nehme ich in meinem Körper wahr? Was brauche ich?
Für mich bedeutet Achtsamkeit, mit einer freundlichen, offenen Haltung hinzuschauen, was gerade ist. Dann kann ich präsent im Moment sein und mich dem zuzuwenden, was ich gerade bemerke. Die Stille gibt mir Raum, mich selbst wieder zu hören, wenn es im Alltag wieder viel zu laut geworden ist.
Stille kann so einfach sein und steht jedem Menschen offen. Du brauchst dafür weder eine spirituelle Überzeugung noch eine bestimmte Vorstellung vom Leben. Wenn ständig Nachrichten, Gespräche und Aufgaben um Deine Aufmerksamkeit konkurrieren, darfst Du Dir einen Moment erlauben, in dem Du nichts Neues aufnehmen und auf nichts reagieren musst.
Auch die Wissenschaft beschäftigt sich damit, wie achtsames Innehalten auf uns wirkt. Studien zu mehrwöchigen Achtsamkeitsprogrammen zeigen, dass sie helfen können, Stress und Ängste zu verringern. Eine kurze Pause beim Spaziergang ist etwas anderes als ein solches Training. Sie kann aber ein Anfang sein, bewusster wahrzunehmen, wie es Dir gerade geht, und Deine Aufmerksamkeit wieder auf den gegenwärtigen Moment zu lenken.
Für mich persönlich haben solche Augenblicke auch eine spirituelle Tiefe. Manchmal begleiten mich dabei zwei schlichte Worte: Ich bin. Vielleicht findest Du andere Worte dafür. Vielleicht genügt Dir das Spüren Deiner Füße auf dem Boden. Du darfst Deinen ganz eigenen Zugang finden.
Was sichtbar wird, wenn wir innehalten
Wie leicht wir uns selbst im Alltag aus dem Blick verlieren, hat uns auch bei unserem letzten Kahua Kapu beschäftigt.
An diesem Abend haben wir gemeinsam Achtsamkeit, Präsenz und Stille erkundet:
- Was bedeutet das für uns konkret?
- Wo erleben wir die Themen bereits?
- Und wie können wir ihnen im Zusammenleben, auch mit unseren Hunden, mehr Raum geben?
Besonders nahe gingen mir die Erkenntnisse im gemeinsamen Rückblick. Darin wurde der Wunsch spürbar, den inneren Beobachter zu schärfen und die Aufmerksamkeit noch mehr zu sich selbst zu lenken. Es wurde wahrgenommen, wie wenig Raum die eigenen Bedürfnisse manchmal bekommen und wie sehr innere Stille fehlen kann, wenn wir gerade mit uns selbst hadern. Mich hat es sehr berührt, dass jeder etwas ganz Eigenes aus unserem Treffen mitnehmen konnte. Etwas, das zum Leben gehört.
Vielleicht beginnt Veränderung genau dort: in einem ehrlichen Moment, in dem wir bemerken, wie es uns wirklich geht. Auch für mich ist diese Rückkehr zu mir selbst tägliche Praxis.
Mein kleiner Morgen auf der Bank
Ich bin kein großer Freund aufwendiger Morgenroutinen. Lange habe ich die für mich richtige Form gesucht und auch mit mir gehadert. Eine Stunde journaln, meditieren, Sport machen, gefühlt hat das jeder auf Social Media gemacht. Ich bin in die “Vergleich-Falle” getappt und war nicht zufrieden mit mir, das war für meinen Alltag einfach nicht umsetzbar. Es hat etwas gedauert, dann habe ich meinen eigenen Rhythmus gefunden.

Wenn Mei-Lani morgens ihr Futter bekommen hat, nehme ich meinen Kaffee und wir gehen nach draußen. Dort sitze ich auf meiner Bank. Im Winter mit einer Decke. Mal bleiben wir länger, mal kürzer, je nachdem, wie viel Zeit wir haben und wie lange meine Maus draußen sein möchte. Diesen kleinen Moment nehme ich mir möglichst jeden Tag, bei Wind und Wetter, und meist liegt Mei-Lani am Anfang neben mir auf der Bank.
Nach einer Weile geht sie entweder schnüffelnd durch den Garten oder ruht, etwas weiter oben im Garten, im Gras. Oft macht sie zwischendurch einen Abstecher zu ihrem “Beobachtungsposten” und schaut, ob sie die Katze sieht und sich vielleicht darüber aufregen könnte. 🙂
Gemeinsam auf unserer Bank schauen wir, ob das Eichhörnchen kommt, welche Vögel vorbeifliegen, welche Flugzeuge am Himmel zu sehen sind oder ob sich oben am Waldrand etwas bewegt. Es hat mich schon immer fasziniert zu beobachten, wie Mei-Lani Flugzeuge beobachtet.
Am Anfang unserer “Draußen-Zeit” höre ich zunächst in meinen Körper hinein: Wie war die Nacht? Tut etwas weh? Gibt es ein Bedürfnis, das ich bisher übergangen oder nicht wahrgenommen habe? Wie geht es mir gerade wirklich?

Dann lasse ich meinen Blick durch die Natur wandern. Zu den Bäumen, den Blättern und dem Himmel. Ich liebe Wolken und Sonnenaufgänge. Oder ich laufe ganz bewusst über die Wiese und bewundere die verschiedenen Pflanzen, die sich von ganz alleine gepflanzt haben. Du musst wissen, ein englischer Rasen ist nicht so meins, ich liebe Natürlichkeit.
Einmal lagen einige Tautropfen so wunderschön auf einem Blatt, dass ich ihn einfach fotografieren musste.
Wenn ich so achtsam und präsent hinschaue, bekommt die Welt unmittelbar um mich und meine Hündin meine ganze Aufmerksamkeit. Und immer wieder spüre ich in mich hinein, wie es mir gerade geht und was ich gerade brauche. Für eine Weile lasse ich alle Aufgaben ruhen. Ich trinke meinen Kaffee und bin einfach.
Ein Moment, der Dir gehört
Vielleicht ist Dein Moment eine Tasse Tee am offenen Fenster. Eine kurze Pause auf einer Bank beim Spaziergang. Oder ein paar Minuten, in denen Du einfach sitzt, ohne Handy, ohne Hintergrundprogramm, ohne nebenbei etwas zu erledigen und ohne dass jemand etwas von Dir will..
Es dürfen kleine Dinge sein.
Du kannst Dir einmal am Tag eine Sache vornehmen, der Du Deine ganze Aufmerksamkeit schenkst. Spüre die Tasse in Deiner Hand. Nimm den Geschmack wahr. Lass Deinen Blick ruhen. Höre in Dich hinein.
Vielleicht magst Du dabei eine dieser Fragen mitnehmen:
- Wann habe ich heute bemerkt, wie es mir geht?
- Welches Bedürfnis wartet gerade auf meine Aufmerksamkeit?
- Welcher kleine Moment würde mir heute guttun?
Wähle die Frage, die Dich anspricht. Lass Dir Zeit mit der Antwort. Manches zeigt sich zunächst als Empfindung, als Müdigkeit oder als der Wunsch, einmal tief durchzuatmen.
Wenn es innen zunächst unruhig wird
In der Stille können auch Gefühle auftauchen, die im geschäftigen Alltag kaum Platz finden. Unruhe, Traurigkeit, Frust. Sie gehören zu unserem Erleben und dürfen wahrgenommen werden.
Vielleicht hilft Dir das Bild von Wolken: Du bemerkst sie am Himmel, ohne jeder hinterherzugehen. Auch Gedanken und Gefühle können sich verändern und weiterziehen. Manche bleiben länger oder kehren zurück. Du musst ihren Abschied nicht erzwingen.
Oder stell Dir ein kleines Papierschiffchen vor. Du legst gedanklich etwas von Deiner Unruhe hinein und setzt es auf einen Bach. Schau ihm einen Augenblick nach. Das Bild kann Dich daran erinnern, dass Du gerade nicht jeden Gedanken weiterdenken musst.
Auch wenn Dein Kopf wieder losplappert, kannst Du freundlich zu dem zurückkehren, was Du spürst: Deinen Füßen, der Tasse in Deiner Hand oder den Geräuschen um Dich herum.
Synchrones Tempo – gemeinsam erkunden
Für Deinen nächsten Spaziergang möchte ich Dir eine Übung mitgeben. Wähle ein ruhiges Wegstück, auf dem Ihr entspannt unterwegs sein könnt und Du die Umgebung im Blick behalten kannst.
Spüre beim Gehen in Deine Fußsohlen.
- Wie verteilt sich Dein Gewicht?
- Wo bemerkst Du Druck – an der Ferse, am Ballen, eher links oder rechts?
- Nimm die kleinen Bewegungen Deiner Fußgelenke wahr, mit denen Dein Körper sich ausbalanciert. Du brauchst daran nichts zu korrigieren.
Passe dann Dein Tempo dem Schnüffel- und Schritttempo Deines Hundes an. Geht er langsam, wirst auch Du langsamer. Bleibt er stehen, spüre das Stehen auf beiden Fußsohlen.
Lass Euch Zeit. Dein Hund erkundet einen Duft, Du nimmst Deinen Körper wahr. So kann aus einem vertrauten Spaziergang ein bewusstes gemeinsames Erkunden werden. Wenn Deine Gedanken abschweifen, kehre sanft zu Deinen Füßen und Eurem Tempo zurück.
Raum für Deinen eigenen Weg
Dein Weg als Kahu ʻĪlio ist einzigartig. Auch Deine Art, Achtsamkeit und Stille zu erleben, darf zu Dir passen. Vielleicht beginnt sie morgen mit ein paar langsameren Schritten oder einem Getränk, das Du in Ruhe genießt.
Wenn Du Dir Raum wünschst, solche Fragen gemeinsam zu erkunden, lade ich Dich herzlich ins Kahua Kapu – den geschützten Ort für Dich als Kahu ein. Hier teilen wir Erfahrungen, schauen achtsam hin und entdecken Möglichkeiten für unser Leben mit unseren Hunden.
Du darfst mitbringen, was Dich gerade bewegt. Ich begleite Dich gerne dabei, Deinen eigenen Weg zu finden.
Deine Marina









